Umzug in das Wohnmobil: Von 70 auf 7 Quadratmetern

Unser neues rollendes Eigenheim auf 4 Rädern

6–10 Minuten

Gepackt vom Reisefieber und die sich auftuende Chance für längere Zeit den Alltag sowie die Komfortzone zu verlassen, haben wir uns in unser bisher größtes Reiseabenteuer gewagt: Ein ganzes Jahr im Wohnmobil durch Europa, gemeinsam mit unserer damals 7 Monate alten Tochter. Eine Reise, die unsere Weltenbummler-Herzen höher schlagen lassen sollte.

Fakten von unserer Tour

  • 366 Tage unterwegs
  • 27.000 KM mit dem Wohnmobil durch Europa
  • Route: Start in Wien, Italien, Monaco, Südfrankreich, Spanien, Portugal, Nordspanien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Norddeutschland, Dänemark, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Südsteiermark, Kroatien, Albanien, Griechenland und mit der Fähre zurück nach Italien
  • Mit den Jahreszeiten gereist: Im Winter im Süden, im Sommer im Norden, im spät Herbst nochmals in den Süden
  • 19 Länder
  • Lieblingsland im Süden: Griechenland
  • Lieblingsland im Norden: Finnland

Warum ein Leben im Wohnmobil? 

Das Hamsterrad des Alltags dreht sich viel zu schnell und manchmal viel zu wild. Wir wollten wenigstens für ein Jahr dort raus. Unser erstes Baby war da und wir wollten die Zeit zu Dritt als Familie gemeinsam erleben. Doch warum genau im Wohnmobil und nicht gemütlich in einer Ferienwohnung? Die Antwort: Es war die Sehnsucht nach größtmöglicher Unabhängigkeit und die Aussicht auf Freiheit und viel Zeit in der Natur zu verbringen. Unser Erfahrungskoffer hat sich durch dieses Erlebnis weiter gefüllt, aber jedoch nicht ohne zahlreiche tägliche Herausforderungen. 

Wir haben einen radikalen Cut gemacht und uns von vielen Dingen getrennt. Wohnung gekündigt, ein Wohnmobil gekauft, für die wichtigsten Möbel ein Lagerabteil gemietet, Auto sowie sämtliches unnötiges Hab und Gut verkauft und los gings. 366 Tage waren wir mit unserer Kleinen unterwegs, ohne genau zu Wissen was danach kommen wird. Beim Start war unsere Kleine 7 Monate, bei Rückkehr 1,5 Jahre. Sitzen, essen, krabbeln, gehen – all dies fand im oder außerhalb des mobilen Eigenheims statt. Klingt alles ziemlich einfach, wars aber definitiv nicht!

Es war ein enormer organisatorischer Aufwand im Vorhinein und ziemlich stressig mit kleinem Baby. Wir mussten uns von vielen Dingen trennen, aussortieren, verkaufen/verschenken, alles in Kisten verpacken, ins Lager räumen (und dabei Tetris spielen, damit wirklich alles reinpasst) und von einem Tag auf den anderen in ein minimalistisches Leben eintauchen. Ein Wohnmobil zu kaufen, da hatten wir ziemlich Glück und noch ein tolles ergattert. 3 Tage vor Abfahrt haben wir unser Mobil endlich bekommen. Es blieb uns ein Tag um alles ins Wohnmobil einzuräumen, dann mussten wir den Schlüssel von unserer Wohnung abgeben und schon fuhren wir in den Süden. 

Im Wohnmobil in der Tabernas Wüste
Im Wohnmobil in der Tabernas Wüste

Die ersten Tage im Wohnmobil

Der Platz in einem Wohnmobil ist natürlich ziemlich begrenzt und wir waren anfangs viel damit beschäftigt Dinge von A nach B nach C und manchmal wieder nach A zu räumen. Hatten wir Ahnung von Wohnmobilen? Nein! Obwohl wir durchaus gut vorbereitet losgefahren sind, haben  wir ganz viel von Anderen unterwegs gelernt – auch noch nach Monaten.

Im ersten Monat wussten wir eigentlich nicht so recht, ob uns dieses Abenteuer Spaß machen wird, auf so engem Raum, und einem komplett „neuen“ Alltag mit kleinem Baby. Erst nach ca. 2 Monaten nach Abfahrt hatten wir den Dreh raus und uns an das neue Leben mit all den Herausforderungen gewöhnt und konnten dann auch die vielen schönen Momente richtig wahrnehmen.

Unser Wohnmobil

Was waren unsere anfänglichen Herausforderungen?

Zunächst waren da die zahlreichen Herausforderungen, die mit einem Baby aufwarten – insbesondere wenn es das Erste ist. Mit 3 Schlafenszeiten und den zahlreichen Stillmahlzeiten ist man ganz schön beschäftigt. Nebenbei noch Reisen und das neue Leben managen, da stießen wir anfangs ganz schnell an unsere Grenzen. Zahnen, Entwicklungsschübe, schlaflose Nächte – das volle Programm nur im selben Raum auf wenig Quadratmeter. 

Von einem Tag auf den anderen sind wir von einem „geregelten Alltag in gewohnter Umgebung“ in ein völlig neues Leben eingetaucht. Neuer Rhythmus und neue Routinen waren gefragt. Zuhause oder auch in einem 2-3 wöchigen Urlaub macht man sich darüber wenig Gedanken. Im Urlaub ist es schließlich aufregend einzukaufen in neue Supermärkten, die ständige kalte Dusche wird gelassen hingenommen sowie die Suche nach dem besten Stellplatz. Im Vollzeit Wohnmobilleben wird das auf Dauer schon anstrengend.  

Unsere Kleine hat nach kurzer Zeit beschlossen, Auto fahren ist nicht so ihre Lieblingsbeschäftigung. Somit sind wir nur mehr noch zu Schlafenszeiten losgedüst. So wurde in den ersten Monaten aus einer 3-stündigen Fahrt eine Tagestour und wir waren gezwungen unsere Fahrten genau zu planen. Auch der alltägliche Einkauf wurde zur Herausforderung, ist doch jeder Supermarkt immer etwas anders aufgebaut. Im Supermarkt des Vertrauens um die Ecke weiß man irgendwann, wo was steht – auf unserer Reise war dies immer wieder eine Überraschung. Wäsche waschen zuhause funktioniert ganz nebenbei. Unterwegs im Wohnmobil ist dies mit einer gewissen Planung verbunden: Wo ist ist ein Waschsalon, wo man auch mit dem Wohnmobil parken kann? Darum haben wir gelernt mit unserer Wäsche zu haushalten, um nicht allzu oft waschen zu müssen.

Freistehen mit dem Wohnmobil ist genial und funktioniert in der Nebensaison so gut wie überall in Europa. Wir wollten schöne Stellplätze haben, da war Recherche angesagt. Einfach herumfahren und vor Ort sich die Stellplätze anzugucken mit einem Baby, das keine Lust auf Autofahren hat, ist für das eigene Stresslevel nicht ideal. Als sehr praktisch hat sich für die Stellplatzsuche die App „Park4Night“ erwiesen, man verbringt aber viel Zeit mit Recherche. Sehr ernüchternd war übrigens, wie viele Vans/Wohnmobile unterwegs sind, teilweise waren die Plätze übervoll, inklusive einiger weniger schwarzen Schafe, die nach dem Motto leben „nach mir die Sintflut“. Und es findet sich nicht immer ein Instagram tauglicher genialer Stellplatz, die Realität sieht ernüchternd aus (nichts desto trotz gibt es diese). 

Diese Kleinigkeiten waren anfangs mit einem Baby herausfordernd, wir haben dem entgegengesteuert, indem wir unseren Tagesablauf durchgeplant haben. Auch die Paar-Beziehung wird mit einem Vollzeit Wohnmobilleben ordentlich auf die Probe gestellt. 24/7 auf engsten Raum, ohne Privatsphäre, ohne Abstand wird das zur Challenge. Man lernt aber dadurch seinen Partner mit all seinen Launen, Stärken und Schwächen kennen und muss ihn hinnehmen können wie er ist. Viele Paare scheitern an dieser Erfahrung. 

Frühstücken in der Sierra Nevada

Warum hat sich das alles dennoch gelohnt?

Leben und Reisen im Wohnmobil ist ein spannendes Abenteuer, definitiv anders, teilweise nicht leicht, aber schön und besonders. Die intensive Familienzeit war für uns alle prägend. Unsere Kleine hat Papa genauso wahrgenommen wie Mama, welcher Papa kann das schon behaupten. Die ersten Schritte, die vielen strahlenden Augen, die Zeit am Meer, sowie auch die vielen unruhigen Nächte. Unsere Kleine war ein extremer Türöffner, wir hatten durch sie viel Kontakt mit den Einheimischen und mit anderen Reisenden. 

Ein Jahr lang unabhängig zu sein, selber zu entscheiden, wie man als Familie den Tag gestalten möchte ohne größere Verpflichtungen. Dies erzeugt ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl. Hinzukommt, das wir alle ein Jahr lang nie krank waren (außer bissl Schnupfen). Wir waren jeden Tag an der frischen Luft, vorwiegend in der Natur oder am Meer. Unsere Kleine hat sich immer extrem gefreut, wenn sie morgens aus dem Fenster sah und das Meer entdeckte. „Meer“ war eines ihrer ersten Wörter. Wir haben viele Wanderungen mit unserer Kleinen in der Trage unternommen: Sierra Nevada, Pyrenäen oder auch in Finnland. Ein weiterer Vorteil eines Wohnmobillebens: man geht auch bei Regen raus.

Raus aus der Komfortzone – das trifft es auf den Punkt. Wir haben unglaublich viel gelernt in dieser Zeit, über uns als Familie mit einem neuen Familienmitglied, übers Leben im Wohnmobil sowie über Schönheit und Vielseitigkeit Europas. Wir mussten lernen geduldig zu sein und Ruhe zu bewahren. On Top haben wir einen minimalistischen Lebensstil erlernt, den wir gerne beibehalten möchten. Uns wurde wieder bewusst, wie ungezwungen, schwerelos das Leben sein kann. 

Sonnenuntergang in Kroatien

Fazit

Wir würden es sofort wieder machen. Ein Leben im Wohnmobil/Van ist sehr facettenreich. Vielleicht wäre es manchmal einfacher gewesen in gewohnter Umgebung zuhause zu sein, aber es wäre definitiv nicht schöner gewesen. Es war eine Abenteuerreise zusammen als Familie. Es sind die kleinen sowie großen Momente, die solch ein Leben im Wohnmobil ausmachen. Die intensive Familienzeit zu Dritt kann uns keiner mehr nehmen und wir werden lange von diesen Erinnerungen zehren. Europa hat extrem viel zu bieten, zahlreiche schöne Orte mit lieben Menschen. 366 Tage in der Natur an der frischen Luft kann man selten einem Baby/Kleinkind bieten. Ein Jahr lang ohne jegliche Verpflichtungen, den Tag zu gestalten wie wir das wollen war ein schönes Freiheitsgefühl.

Von einem Tag auf den anderen einen neuen Alltag im rollenden Eigenheim mit Baby zu erlernen, brachte uns manchmal an unsere Grenzen. Raus aus der Komfortzone ist nicht immer einfach, aber dafür ein Erlebnis, eine Lernerfahrung. Man kommt zurück mit neuen Blick auf Luxus und Materielles, mehr Wertschätzung für die Natur und mit einer unvergesslichen Zeit als Familie. Für die nächste Reise mit Dach auf vier Rädern sind wir mit unserem Erfahrungsrucksack bestens gewappnet. 

Unsere Route (Quelle: Adobe Stock)

Probier es aus, lass dich auf die Herausforderungen ein, verlass deine Komfortzone und sammle wertvolle Erfahrungen, die dein Leben bereichern werden. 

Hast du auch Lust auf längere Zeit im Wohnmobil/Van zu leben?

2 Antworten zu „Umzug in das Wohnmobil: Von 70 auf 7 Quadratmetern”.

  1. Der Artikel macht mir Lust auch bald das Weite zu suchen 😉

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    1. Das freut mich, wenn ich dich inspirieren konnte 😊

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